Leseproben

stern 1 klein (Gerd Altmann, pixelio.de)Auf dieser Seite könnt ihr in unsere Bücher und 9Cent Storys sternschnuppern. Viel Vergnügen!

 

 

 

Mayapunk, aus „Iki Balam“ von Friedhelm Rudolph

 

„Das Ballspiel war ein Kampf ohne Waffen. Mein Kampf ohne Waffen.

Nun wusste ich Bescheid. Ich wollte Iki Balam in einem Ballspielzweikampf besiegen. Hatte er mehr Muskeln, hatte ich mehr Hirn. Ich werde den Ball durch den Ring schlagen. Ich werde es, bei Thor!

Ich verließ Ixchel, ohne mich nach ihr umzusehen. Sie rief hinter mir her, jammerte und zeterte, was Aufmerksamkeit erregte. Schnell war mein Vorhaben entdeckt. Sie wollten mich aufhalten, doch ihre Hände kamen nicht an mich heran. Es war, als hüllte ein Zauber mich ein.

Hräswelg lieh mir seine Adlerschwingen. Ich sauste durch die Lüfte und soff den Met der Freude und der Lust.

Ich landete in der Mayastadt. Die Langschädel erschraken und flüchteten in ihre Steinhäuser. Ich stemmte die Fäuste in die Hüften und rief Iki Balam.

Der erschien in Begleitung von Ah Ulil, Tzitzimit und Paxoc und führte an der Leine den Kriegsjaguar, der mich anfauchte. Ein Blick von mir, und die Bestie legte die Ohren zurück, sträubte das Fell und richtete den Schwanz auf.

Ich erklärte Iki Balam meine Absicht. Er bog sich vor Lachen, ging auf mein Angebot ein. Er sagte, er freue sich, meinen Kopf aufzupflanzen. Er wies hinter sich auf den Steinsockel mit dem Holzgerüst. Schädel wie abgenagt. Schädel mit Fleischfetzen und Haarresten. Schädel, die bluteten. Ein Festmahl für die Krähen und Raben.

Adalmar, Farold, Sarolf, Rimbert. Dazwischen Köpfe von Männern, die ich nicht kannte. Der Kopf Dankmars des Besonnenen. Der Holzpfahl glänzte vom Blut. Ein Schwarm Schmeißfliegen leckte es auf.

Die Langschädel trauten sich heraus aus dem Schutz ihrer Häuser, umringten uns und reckten aus Neugier die Hälse. Sie erfuhren von dem Zweikampf, brachen in Jubel aus, tanzten, sangen und klatschten in die Hände.

Freut euch, dachte ich, genießt es, nach dem Kampf werdet ihr in eine Trauer ohne Ende versinken und unser Land verlassen.

Wir gingen zum Ballspielplatz, umringt von der Menge.

Die Frauen und Mädchen, die wie Ixchel Gewänder trugen, die Hemdkitteln ähnelten, blieben am Eingang des Spielplatzes zurück.

Die Tribüne über den Prellwänden füllte sich in Windeseile, die Umhänge der Männer und Knaben flatterten vor Aufregung.

Sie hatten sich Essen mitgebracht: Zapfen in der Farbe von Herbstlaub, Beeren von der Größe einer Faust. Sie tranken etwas, dessen Reste sie auf das Spielfeld schütteten, wohl um ihren Göttern zu huldigen. Der Trank sah aus wie ein Gemisch aus Wasser und Torf. In Mündern sah ich Holzstöckchen, die glimmten. Die Männer saugten daran, und es qualmte.

Die Priester halfen uns beim Anlegen der Schutzkleidung: Helm, Unterleibschutz, Handschuhe, Knie- und Armschützer.

Sie reichten uns einen Kelch mit einem Trank. Iki Balam hob den Kelch der Sonne entgegen und leerte ihn in einem Zug …“

(zu finden in „Im Schatten von Xibalba – Mayapunk-Anthologie“)

 

Vincent Voss, aus „Bullet“

 

„Der Lauf der Schwester ist auf meinen Chef, Verzeihung Ex-Chef, gerichtet, sie liegt sozusagen zwischen uns, und obwohl ich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen vor ihm sitze, weiß ich doch genau, dass er nicht nach ihr greifen wird. Er hält sich die Hände vor sein Gesicht und heult. Ich weiß nicht, ich kann mit heulenden Männern nichts anfangen, vielleicht beneide ich sie sogar darum. In der dunkelsten Grube meines Herzens. Jedenfalls heult er, zwischen seinen Fingern quillt Rotz und Wasser hervor und seine Tochter (Lisa oder Marie, ich weiß es nicht genau) streichelt entweder durch sein Haar oder sie schüttelt ihn und schreit ihn an. Auch damit kann ich nichts anfangen. Mit Kindern sowieso nicht und solche, die ihre heulenden Väter schütteln, spielen noch einmal in einer ganz anderen Liga. Ich gestehe, ich habe mir das Ganze anders vorgestellt. Wie? Ich geh rein, schreie ihn an, mach’ ihn für mein ganzes verschissenes Leben verantwortlich, er winselt rum, sondert ein paar fadenscheinige Entschuldigungen ab und ich jage ihm eine Kugel in den Kopf. Dann gehe ich raus, gebe den Cops meine Waffe und stelle mich den Scheiße pissenden Journalisten. Dreck, ich glaub’, ich muss nachdenken, wie ich weitermache. Bis dahin erzähle ich ihnen, wie ich eigentlich hierher gekommen bin. Mir ging es verdammt gut, ich war auf dem Weg an die Spitze. Zumindest dachte ich das. Mein Job war es für Firmen, einzelne Produkte, Prominente, Politiker, Gesetze, Projekte, Meinungen zu generieren. Gute oder schlechte, das war mir egal. Ich hatte über 500 seriöse IDs oder Personas, Charaktere mit Tiefe, eingebunden und verwurzelt in soziale Netzwerke mit einer Credibility deren Sympathiescoringwerte an jene Leader heranreichten, die ausschließlich in einem Netzwerk operierten. 500 verschiedene Lebensläufe, Neigungen und Gewohnheiten für 500 Identitäten. Verschiedene Sprachen, Ausdrucksweisen, Reaktionen auf Ereignisse für 500 Personas. Es gab keinen, der mir das Wasser reichen konnte. Wenn es sein musste, war ich 24 Stunden on, arbeitete mich je nach Wichtigkeit in die Materie ein, denn meine Akteure sollten wissen, wovon sie überzeugt waren, wenn ich sie zu Wort kommen ließ. Dezent oder gewaltig, mir lag jede Form der Kommunikation, ich beherrschte jede Strategie der Manipulation. Für mich gab es drei Leitsätze während dieser Zeit: Ich bin der Beste, es geht immer voran und ich bin der Beste. Und verdammt noch mal, ich war wirklich gut!“

(zu finden in „Bullet“, MegaFusion-Anthologie)

 

Thorsten Küper, aus „Der Mechaniker“

 

„Da sitzt er nun also, mein zweiter Kunde an diesem Tag und seine Lage ist nicht weniger unerfreulich, als die meines ersten heute. Ein Adliger, unschwer erkennbar. Auf den ersten Blick könnte man ihn in einer entspannten Haltung auf dem wuchtigen Schreibtischstuhl glauben. Auf den zweiten bemerkt man die angespannten Schultern, die Arme, die er nicht zu bewegen wagt, den auf seinen Schoß gerichteten panischen Blick. Schweißtropfen rollen wie kleine Perlen Stirn und Wangen hinab und zwei riesige feuchte Areale erstrecken sich von seinen Achseln bis hinab zur Hüfte. Er ist kalkweiß und eine Ader an seiner Stirn tritt pulsierend hervor.
»Wo drückt denn der Schuh«, erkundige ich mich fröhlich, während Gaylen – Gaylen, was für ein selten dämlicher Name – die beiden großen Werkzeugkoffer hinter mir herein schleift. Seine Mutter ist der Meinung, es ist an der Zeit für ihn, auf eigenen Füßen zu stehen. Da ich ihr den einen oder anderen Gefallen schulde, habe ich mich seiner angenommen und versuche ihm etwas beizubringen. Jedenfalls so weit das möglich ist.
Gaylens glasiger Blick wandert kurz durch den riesigen Raum, ohne von den wundervollen Ölgemälden an den Wänden Notiz zu nehmen, oder der atemberaubende Bibliothek voll uralter in Leder gebundener Bücher oder den prachtvollen alten Landkarten hinter Glas. Seine Augen entdecken schon nach wenigen Sekunden den nackten Hintern der jungen Dame, die vor meinem Kunden kniet und auf deren entzückenden Kopf der starrt, wie auf eine Bombe, die ihm jederzeit um die Ohren fliegen könnte. Ich muss allerdings zugeben, dass sein Problem noch erheblich brisanter ist, als eine Sprengladung zwischen den Beinen. Deren Detonation würde nämlich weitgehend schmerzfrei verlaufen.
Ich sauge vernehmlich Luft ein und verziehe das Gesicht mitfühlend. »Autsch!«
»Ich kann das wirklich erklären, sie müssten nur …«, setzt er an.
»Sccchhh«, ich unterbreche ihn, führe den Zeigefinger an die Lippen. »Wir wollen die junge Dame doch nicht erschrecken. Sie ist gepatcht, richtig?«
»Nein, ich wollte lediglich, dass sie mir …«
Diesmal bringe ich ihn mit einer warnenden Geste zum Schweigen. »Mit der Zunge die Schuhe zubindet? Noch beißt sie nicht fest zu. Und wir wollen doch, dass das so bleibt. Sie ist gepatcht, oder?«
Er schüttelt unwillig den Kopf, hebt die Achseln. »Sie haben recht, ja. Ich habe da so einen Patch erworben und dannganz plötzlich …«
»Ganz plötzlich hatte sie Ihren Schwanz im Mund und gefasst wie der Dackel, wenn er die Waden vom Postboten sieht.«
»Bitte?« Offensichtlich hatte er nicht wirklich viel für alte Bücher übrig. Sonst hätte er gewusst, was man früher unter einem Postboten verstand. An der rechten Fußsohle der jungen Dame entdecke ich die Markierung, an die ich nun den Scanner halte. Auf seinem Display kann ich die Typenbezeichnung ablesen.
»Dachte ich es mir doch, sah auch so aus. TransCom, Nanabot, Modell aus der 9er Serie, natürlich mit Bodyguard Modifikation, Laufzeit vierzehn Monate, vier Updates, das letzte davon der böse kleine Patch, den Sie sich aus dem Web geladen haben. Ich hoffe, Sie hatten wenigstens ein bisschen Spaß, bevor sie Ihnen … nun ja … die Zähne gezeigt hat.«
»Meine Frau darf hiervon nichts erfahren, bitte …«“

(zu finden in „Bullet“, MegaFusion-Anthologie)

 

Norbert Stöbe, aus „Da im Glück“

 

„„Da ist was“, sagte Da. Er kniete vor dem Fenster und blickte zwischen den Glasscherben hindurch auf den Hof hinunter. Die Scherben durfte man nicht wegmachen, sonst hätte die Wohnung bewohnt gewirkt, und dann wären unerwünschte Mitbewohner aufgetaucht oder die Skulls. Wenn die nichts zu essen hatten, nahmen sie auch Kinder.

Isa streichelte Fran über den Kopf, zog ihr die Decke hoch bis zum Hals und kroch dann auf allen Vieren zum Fenster. Neben Da richtete sie sich auf, bis ihr Kopf gerade eben den unteren Fensterrand überragte. Sie blickte auf einen grauen Innenhof, der über eine tunnelartige Zufahrt mit der Straße verbunden war. Am Rand standen ein paar ausgeschlachtete Autos, ein ausgebrannter Wohnwagen, Müllcontainer und ein spinnenartiges Trockengestell, an dem zwei Stiefelschäfte baumelten. Die Stiefel hatten der alten Heffi gehört, die bis zur Stromabschaltung im Wohnwagen ein Tonstudio betrieben hatte und dann auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Einer ihrer Kunden hatte wohl zum Gedenken ihre Stiefel aufgehängt, und jemand, der Halbschuhe vorzog, hatte die Unterteile abgeschnitten. Auch die ledernen Schäfte würden irgendwann verschwinden und damit auch die Erinnerung an die Alte, die auf dem Dach immer den Sonnenuntergang betrachtet hatte.

„Da!“, sagte Da. „Vor den Garagen.“

In die Hausfront, die den Hof nach rechts begrenzte, waren sechs Garagen hinein gebaut. In den Toren waren schartige Löcher, zu klein, als dass ein Erwachsener hätte hindurchkriechen können. Trotzdem waren alle Garagen ausgeräumt, bis auf die mit der Mumie. Und vor den Garagen stand das Tier: vierbeinig, mit zottigem, braunem Fell und langem, in eine Quaste auslaufendem Schwanz.

„Eine Kuh!“, sagte Isa. „Das ist eine Kuh!“

„Aber sie hat keinen Euter.“

„Dann ist es eben ein Stier.“

„Sie hat auch kein Ding.“

„Dann vielleicht ein Ochse?“ Plötzlich war Isa sich nicht mehr sicher. Und dann war auf einmal Fran da: schob sich lautlos zwischen sie, reckte das Köpfchen und spähte neugierig nach draußen.

„Eine Kuh!“, wisperte sie staunend. Ihre Augen waren so dunkel wie Holzkohle.

Isa legte ihr den Arm um die Schultern und stimmte einen leisen Singsang an:

„Im feuchten Grase mampft die Kuh,

So geht es Stund um Stund.

Und wenn sie satt ist und ihr Bauch ganz rund,

dann macht sie … Wie macht die Kuh?“, fragte Isa.

„Muuh!“, sagte Fran. Ihr Mund blieb auch dann noch gespitzt, als sie schon keine Luft mehr hatte. Sie zitterte vor Aufregung, vor Kälte und vor Hunger.

„Ich geh runter“, sagte Da. „Wo ist das Messer?“

Der Müll federte wie Watte. Schon nach wenigen Schritten hatten die Schuhe dicke Polster aus Plastiktüten, Styroporteilen, Stofffetzen und allerlei Undefinierbarem angesetzt. Neuerdings war der Regen manchmal so klebrig, dass man ihn nach dem Trocknen abpellen konnte.

Er hielt sich dicht an der Hauswand. Bevor er sich der Kuh näherte, lugte er hinter Heffis ausgebranntem Wohnwagen hervor. Das Tier hatte ihn anscheinend noch nicht bemerkt. Es ließ den Kopf hängen und stierte mit seinen großen Triefaugen zur Ausfahrt hinüber. Unter dem Fell zeichneten sich die Knochen ab, besonders hinten, an der Hüfte, falls Kühe eine Hüfte hatten. Falls das überhaupt eine Kuh war. Auf jeden Fall war es seltsam, dass sie es bis in den Hof geschafft hatte und dass noch niemand hier war. Am seltsamsten aber war, dass es sie überhaupt gab.

Da zog das Messer aus der Gürtelscheide. Es war ein schartiges russisches Kampfmesser, das er regelmäßig schärfte, sein wertvollster Besitz. Der Griff war wunderbar ausgewogen, aber auch die Scharten waren gut. Ohne die Scharten hätte er es bestimmt nicht solange behalten. Drei Monate war es jetzt her, dass er es gegen eine uralte Packung Aspirin eingetauscht hatte. Meistens schnitt er damit Brot. Jetzt sollte es Fleisch sein – seine erste Jagd.

Er biss die Zähne zusammen und trat hinter dem Wohnwagen hervor. Die Kuh schwenkte den Kopf herum, dann drehte sie sich auf der Stelle. Dabei sah er, dass sie an einem Hinterbein lahmte. Die Augen waren feucht und groß. Die Ohren zuckten. Der Schwanz kam hinter dem Hinterteil hervor, verharrte einen Moment in der Schwebe und fiel dann herab, als hätte jemand ein Bleigewicht drangehängt.

„Nu, nu, nu“, machte Da beruhigend. Die gleichen Laute machte er, wenn Fran weinte. Das machte ihn immer hilflos. Auch jetzt fühlte er sich hilflos, obwohl die Kuh nicht den Eindruck machte, als könnte sie sich wehren. Sie war verletzt und wirkte benommen. Langsam näherte er sich ihr, Schritt für Schritt. Seine Füße waren vom Plastik- und Papiermüll inzwischen auf doppelten Umfang angeschwollen. Um die Kuh nicht mit dem Geraschel zu erschrecken, hob er sie sorgfältig an und setzte sie ebenso vorsichtig wieder auf.

Plötzlich spürte er Blicke im Rücken. Das mussten Isa und Fran sein, die vom Fenster aus zu ihm heruntersahen. Er stellte sich vor, dass die Blicke ihm Mut machten, das zu tun, was er tun musste. Er würde sich der Kuh bis auf Armeslänge nähern. Dann würde er einen Ausfall nach links machen, zur Hofseite hin. Die Kuh würde sich erschrecken, zur Garage zurückweichen, und dann würde er ihr das Messer in den Hals rammen. Das wäre am sichersten. Isa würde nicht wollen, dass Fran mit ansah, wie er die Kuh tötete. Sie hatte Fran bestimmt auf die Matratze gelegt und kniete jetzt allein am Fenster, wenn überhaupt. Egal. Er durfte sich davon nicht beeinflussen lassen. Er war ein Mann, ein Jäger. Er krampfte die Hand um das Heft des Messers und trat einen weiteren Schritt vor. Er hatte noch drei Meter bis zur Kuh zurückzulegen – …“

(zu finden in Norbert Stöbe, „Der Durst der Stadt“)

 

Michael Iwoleit, aus „Psyhack“

 

„“Sagen wir, ich bin ein Bewunderer. Ich verfolge Ihre bemerkenswerte Karriere schon seit langem. Ich wollte mir auf keinen Fall die Gelegenheit entgehen lassen, Sie einmal persönlich kennenzulernen.“
Wie alle Blender ist Hohmann mehr mit Showtalent als mit Intelligenz gesegnet. Ich sah ihm an, daß er nicht recht wußte, wie er darauf reagieren sollte.
„Na, endlich mal einer, der meine Qualitäten zu schätzen weiß“, sagte er. „Das ist nicht Ihr Ernst, oder?“
„Fragen Sie mich was. Ich bin eine wandelnde Enzylopädie in Sachen Chris Hohmann. Ich weiß alles. Auch die schmutzigen kleinen Details.“
„Was soll das heißen?“
Ich ließ ihn etwas zappeln. Der Leibwächter hinter mir räusperte sich.
„Gehen wir doch mal zehn Jahre zurück“, sagte ich. „Erinnern Sie sich noch? Es war einer der Highlights Ihrer Karriere. Ihre Initialzündung, könnte man sagen. 2031 in Irland. Dieses kleine pastorale Intermezzo. Sagenhaft, wie Sie das gehandhabt haben.“
„Es ist wohl besser, wenn Sie jetzt…“
„Es hätte Neuran das Genick brechen können, jedenfalls der europäischen Sektion. Hundertzwanzig infizierte Schulkinder, Junge, Junge. So hat sich der Europarat die Sache bestimmt nicht vorgestellt. Gut, daß Sie zur Stelle waren.“
Ich wußte selbst nicht, was ich da redete.
„Schmeiß den Kerl sofort raus“, knurrte Hohmann. „Oder besser …“
Ich spürte eine Pranke auf meiner Schulter und wurde aus dem Sessel hochgezogen. Sofort fing ich brachial an zu husten.
„Sorry“, keuchte ich. „Diese verdammte Allergie. Irgendwas in diesem Büro…“ Ich zog das Spray und ein Taschentuch aus der Hosentasche. Hohmanns Leibwächter ließ mich los und ging etwas auf Abstand. Ich spielte meine Rolle so überzeugend, daß er das Feuerzeug nicht bemerkte, das ich aus dem Taschentuch gewickelt hatte. Ich sprühte mir zweimal in den Hals, hielt dem Mann die Spraydose vor die Augen und entzündete das Feuerzeug. Er kreischte wie ein Säugling, als ihn die Stichflamme ins Gesicht traf. Ein Handkantenschlag vor den Kehlkopf schickte ihn zu Boden. Ich nahm ihm seine Waffe ab und gab ihm mit einem Kopfschuß den Rest. Bevor Hohmann reagieren konnte, schoß ich die Überwachungskamera von der Decke, sprang über den Schreibtisch und riß ihn zu Boden.
„Was … was wollen Sie von mir?“ konnte er noch stammeln, bevor ich ihm den Lauf in den Mund steckte.
„Eine alte Rechnung begleichen“, sagte ich. „Erinnerst du dich nicht an meinen Namen? Er wird das Letzte sein, was du in deinem Leben hörst. Prescott. David Prescott.“
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich aus dem Gebäude entkommen bin. Vielleicht haben mir die beiden Teile geholfen, die ich mit einem Brieföffner von Hohmanns Leiche abschnitt und Stunden später, in ein blutiges Taschentuch gewickelt, in meiner Hosentasche fand. Ich weiß nur noch, daß ich in einem gestohlenen Auto mit hundertachtzig über die Autobahn raste, als ich unversehens wieder zur Besinnung kam. Um ein Haar wäre ich in die Leitplanke gekracht.
Die Nachwirkungen des Geschehens überschwemmten mich mit den kalten Wellen eines Schocks. Ich sackte über dem Lenkrad zusammen, empfand aber zugleich ein tiefes Gefühl der Befriedigung, der Erleichterung, ja des schieren Glücks. Das Gefühl verflog bald, und zurück blieb die düstere Erkenntnis, daß ich jetzt in einer ungeheuren Scheiße steckte.
Ich brauchte mich nicht zu fragen, was in mich gefahren war. Es gab nur eine Erklärung: Ich war das Opfer eines Psyhacks geworden. Jemand hatte Hohmann aus dem Weg räumen wollen. Und ich war das Werkzeug gewesen.
War Gasper eine solche Nummer zuzutrauen? Wußte Phil davon? Mir fielen die Probleme ein, die er mit dem Scan gehabt hatte. StrainTech hatte Administrationszugriff auf sein Netzwerk verlangt. Eine ideale Möglichkeit, um etwas einzuschleusen. Aber zu welchem Zweck? Leute killen ist aus der Mode gekommen. Informationen bringen mehr Geld.
Ich fuhr stundenlang weiter und überlegte die ganze Zeit fieberhaft, was ich tun sollte. Unterwegs räumte ich an drei Raststätten das komplette Bargeld aus den Geldautomaten. Der vierte, den ich in einer Autobahn-Mall kurz vor Frankfurt leeren wollte, spuckte meine Kreditkarte schon nicht mehr aus. Man war mir also auf den Fersen, und mit 3.800 Euro in der Tasche waren meine Aussichten nicht besonders rosig. Ich fuhr von der Autobahn runter, traktierte den Satellitenpeiler unterm Armaturenbrett so lang mit Fußtritten, bis der Ausfall des Navigationssystems mir berechtigte Hoffnungen machte, daß mich die Bullen und Neurans Werkspolizei vorerst nicht mehr orten konnten, dann fuhr ich bis zu einem Squeeze-Motel am Stadtrand weiter.
Für zwanzig Euro die Nacht konnte ich mich hier in einem der achthundert Kubikel verkriechen, die in einem bedenklich schiefen Stahlgerüst sechs Geschosse hoch die beiden Parkdecks überspannten. Die zweifünfzig lange Röhre bot neben einer Liege aus imprägniertem Schaumstoff gerade genug Platz, daß man sein Gepäck unterbringen und ohne allzu unbequeme Verrenkungen das Terminal am Kopfende bedienen konnte.
Der Netzzugang wurde im teuren Minutentakt abgerechnet, und ich verpulverte mehrere Hunderter meiner letzten Kohle, um mich bei einem Anonymizer in der Karibik einzuloggen und über drei Subprovider an Phil ranzukommen. Er war gerade auf dem Heimflug, saß in einem Carrier über dem Kanal. Die Verbindung war schlecht, und im ersten Moment erkannte er mich nicht. Dann klärte sich das Bild auf dem handgroßen Display, und er schnaubte wie ein tollwütigher Bulle, als er mich sah.
„Du verdammter Dreckskerl“, schnaubte er. „Ich wußte doch immer, daß du ein Irrer bist. Daß du dich überhaupt traust …“
„Halt die Luft an“, erwiderte ich. „Du weißt überhaupt nicht, was passiert ist.“
„Und ob. Kannst du dir vorstellen, was jetzt los ist? Gasper ist fein raus, den kennt niemand. Aber ein bißchen Datamining in den öffentlichen Überwachungsservern, und im Handumdrehen kann man deine Spuren zu mir zurückverfolgen. Verdammte Scheiße …“
Ich sah ein neugieriges Kindergesicht, das hinter der Lehne seines Sitzes hervorlugte. Er saß am Fenster, zwischen Wolkenfetzen rückte die englische Küstenlinie näher.“

(zu finden in „Psyhack“ unter „9Cent Storys“)

 

(c) Foto oben: Gerd Altmann / pixelio.de

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